Interessantes u. Spannendes

Essen in Einsamkeit

22 Aug ’14

In einer großen Stadt zu leben hat den Nachteil, dass man richtige Ruhe meist nur innerhalb seiner vier eigenen Wände genießen kann. Es ist absolut nachvollziehbar, wenn Menschen nach ihrem Job und dem Leben “da draußen” abends in ihren Küchen sitzen und dann einfach nur der Küchenuhr beim Ticken zuhören wollen. Oder in der Badewanne ihres Vertrauens ein Buch lesen und den Wasserhahn dabei tropfen hören. Oder im Schlafzimmer im Bett liegen und den wenigen Vögeln da draußen lauschen. Auch ein Leben mit Kindern ist meist sehr laut und mit Unruhe verbunden. Es ist daher auch für mich manchmal ganz nett, abends auf der Terrasse zu sitzen und einfach nur dem Geschehen außerhalb meiner Wohnung zuzuhören.

Was mich allerdings immer etwas nachdenklich stimmt, sind Menschen, die ein Leben wie ein Einsiedler führen. Ein moderner Einsiedler. Zwar gehen diese Menschen arbeiten und haben in ihrem ganz normalen Leben tagtäglich Kontakt mit anderen – gezwungenermaßen, weil sie Kunden oder Arbeitskollegen sind -, wollen aber dann in ihrer Freizeit mit Leuten nichts zu tun haben. Ja, davon gibt es einige und ich glaube, dass es immer mehr werden. So gibt es Leute, die alleine auf Urlaub fahren, an freien Tagen hintereinander nur Kontakt mit dem Essenslieferanten haben und ansonsten mit sich selbst etwas unternehmen. Freunde und Bekannte, wer braucht das schon?

So habe ich vor kurzem durch einen Tweet erfahren, dass in Amsterdam ein Lokal aufmacht, dass für Leute gedacht ist, die alleine essen wollen. Im “Een Maal” gibt es Tische nur für eine Person, man kann also nur alleine essen gehen.

Klar, denn in “normalen” Restaurants kommt man sich manchmal schon etwas blöde vor, wenn man alleine dort sitzt, um zu essen. Und nicht immer hat man Lust, Essen zu bestellen oder zu McDonald’s, der nächsten Kebab-Bude oder zum Würstler zu gehen. Ein gutes Restaurant für Alleinesser findet also mit Sicherheit Anklang. Für mich ist das aber eine sehr merkwürdige Entwicklung. Essen muss man zwar und es ist ein lebensnotwendiges Unterfangen, aber ist Essen nicht auch etwas Soziales? Geht man in Restaurants nicht hauptsächlich auch, um mit anderen Menschen Zeit zu verbringen? Was nutzt es mir, im besten Restaurant der Welt zu sitzen, wenn ich dann erst recht alleine bin und niemandem sagen kann, wie toll ich die Nachspeise finde und wie gut der Champagner ist?

Die Geschäftsführerin ist übrigens davon überzeugt, dass “Essen in Einsamkeit eine gute Sache” ist und will das Konzept auch noch in andere Großstädte wie Berlin und London bringen. Ob das Konzept aufgeht, weiß ich nicht. Für moderne Einsiedler und Misantropen ein gutes Konzept, um Ruhe vor allem und jedem zu haben. Mir gefällt diese Entwicklung jedenfalls nicht.

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