Beauty Fashion

Es gibt kein “French Girl”

4 Feb ’15

Es ist ein Phänomen, das sich durch sämtliche Fashion und Lifestyle Magazine zieht und eigentlich seit Jahrzehnten aufrecht erhalten wird: Der Mythos um das sogenannte “French Girl”. Allein auf Vogue.com gibt es unzählige Artikel zu dem Thema, auch wenn die Suche nur die aktuellsten ausspuckt. “This Blowout will give you perfect French Girl Hair” oder “The Secret Art of French Girl Lingerie”.

Wir sind uns wohl alle einig, dass es sicher irgendwann einmal ein French Girl gab. Lasst uns einen Augenblick an Brigitte Bardot denken. Oder an Catherine Deneuve. Aber wie lange ist das alles her? 50, 60 Jahre mittlerweile. Ich glaube nicht, dass es in Zeiten der Globalisierung, in denen so ziemlich jeder die gleiche Mode (zumindest in der westlichen Welt) trägt und in die gleichen Läden geht, es eine Stereotype einer französischen Frau gibt. Was soll das überhaupt sein?

Geht es nach diesen Magazinen, ist die französische Frau immer mit sexy Unterwäsche ausgestattet, egal wo sie hingeht. Sie hat immer zerzauste Haare, die ungewollt einfach total schick aussehen. Sie benutzt nur wenig Make-up, hat aber immer geschminkte Lippen und sieht perfekt aus. Sie ist ein Genussmensch und raucht, genießt das Leben, trägt – wenn überhaupt – nur dezenten Schmuck und ist immer ausgeschlafen. Ansehen tut man ihr das aber nicht, denn ihr Schlafzimmerblick ist weltbekannt. Sie liebt Rotwein. Ah, nicht zu vergessen: Ihre natürlichen Augenbrauen, die zwar perfekt gezupft sind aber ungezupft aussehen sollen. Und: Sie ist niemals dick, sie kann essen was sie will. Workout macht sie auch nicht, denn das ist für französische Frauen kein Thema.

So lautet zumindest zusammengefasst die Definition einer französischen Frau. Denkt man jetzt an aktuelle französische Schauspielerinnen, wird man einen Unterschied zu ihren Kolleginnen aus den USA oder Deutschland eigentlich kaum Unterschiede merken. Wie auch, wenn die Damen überall dasselbe einkaufen und dieselben Magazine lesen? Es gibt für Männer sogar Tipps, wie man am besten an eine französische Dame kommt. Man muss ihr immer gaaaanz viele Komplimente machen, sie liebt Blumen und Schokolade. Und von der wird sie einfach nicht dick.

Der Autor und Journalist Matthew Fraser schreibt zum Beispiel auf seiner Website:

By the time French girls are adolescents, many have become manically adept at starving themselves to stay thin. They have also learned from their mothers the most effective appetite suppression technique: cigarettes.

Natürlich ist das irgendwo auch ein Klischee, aber seien wir uns ehrlich: Die wenigsten Frauen sind so schlank wie es die Magazine gerne hätten. Ohne Verzicht oder zumindest sehr häufigen Sport wird das also nix werden mit dem French-Girl-Aussehen. In den 70ern und 80ern gab es sogar einige Skandale, als hunderte Frauen durch den Missbrauch von Diätpillen gestorben waren. Fraser schreibt, dass die besagte Pille erst 2009 vom Markt genommen waren und zu diesem Zeitpunkt etwa 300.000 regelmäßige Abnehmer hatte. Das ist also kein Klischee. Französische Frauen haben den Ruf, schlank zu sein, weil viele von ihnen einfach konstant auf Diät sind. Mit französischem Genuss-Lifestyle hat das für mich überhaupt nichts mehr zu tun.

Joanna Robertson hat für BBC auch einen Artikel dazu geschrieben, in dem sie Sonia Feertchack, die Chefredakteurin eines französischen Gesundheitsmagazins, zitiert, wie es um dicke Frauen in Frankreich steht:

There is simply no mystery about it. Of course French women grow fat. But the fact is they daren’t, and some will even starve themselves because in this society to be a fat female is to be a failure.

Warum wird das Idealbild der französischen Frau dann immer noch verwendet? Weil die Amerikaner irgendwie eine fast perverse Verehrung gegenüber französischen Frauen ausüben und zelebrieren. Ihr Stereotyp ist zum Idealbild des gesamten unerreichbaren Schönheitsideals geworden. Und dieses wird eben über Fashion Magazine hochgehalten. Mit Frankreich oder dem Französischsein hat das überhaupt nichts mehr zu tun. Der Mythos lebt aber einfach weiter, weil er zu schön klingt um wahr zu sein.

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