Netzleben

Peinliches Medien-Hickhack

20 Feb ’15

Eigentlich wollte ich ihn ja ignorieren, den Text von Silvia Jelincic auf Fisch&Fleisch. Leider schwirrt er immer noch in meinem Kopf herum und deshalb möchte ich auf diesen Text eingehen und ihn beantworten, weshalb die vorherige Lektüre des Textes jedem ans Herz zu legen ist, um meine nachfolgenden Worte zu verstehen.

Frau Jelincic führt in dem Text zunächst ausführlich an, welche Preise sie als Journalistin nicht gewonnen hätte und dass sie nur der tollen Geschichten wegen Journalistin sei. Ich verstehe aber gar nicht, warum sie das überhaupt schreibt, wenn es ihr nichts bedeutet. Komisch.

Ich habe Preise gewonnen, die mir nichts bedeuten, Handelspreis, Nummer 2 der Wirtschaftsjournalisten, hab einen Bestseller geschrieben, dann den Innovationspreis für fischundfleisch bekommen, war bei Markus Lanz im ZDF und immer wieder im Radio etc – na und?

Das kann man ja alles noch verstehen. Bis zu diesem Punkt sehe ich das alles ein, aber eigentlich will ich auf etwas völlig anderes in dem Text eingehen, weil es offenbar immer noch sehr viele Missverständnisse bezüglich der Arbeit von Online-Journalisten gibt. Dies ist meine persönliche Meinung und ich schreibe sie darnieder, weil ich auch sehr viele KollegInnen in meinem Alter habe, die in verschiedenen Medienhäusern und als Freie arbeiten und ich weiß, was in der Medienbranche gerade passiert und wie es sehr vielen damit geht. Schauen Sie doch mal, Frau Jelincic, wie eifrig die jungen KollegInnen zum Beispiel bei Vice arbeiten oder wie eifrig neue Produkte in bestehenden Medienhäusern entwickelt werden.

Sehr wütend hat mich in dem Text nämlich folgende Passage gemacht:

Ich sprach auch mit Lehrbeauftragten über den Nachwuchs und wurde immer nachdenklicher. Fazit: “Die wenigsten zeigen Eifer” Und das sind die Worte eines Professors. Das ist keine Pauschalverurteilung!

Natürlich ist das eine Pauschalverurteilung und ich glaube, Frau Jelincic hat einfach keinen sehr großen Einblick bekommen, wie Online-Journalismus funktioniert. Und ja, natürlich sind damit hauptsächlich Online-Journalisten gemeint, denn der kleinste Teil des Nachwuchses geht in einen Job, in dem (nur) Print gemacht wird heutzutage. Weil ich gerade in der Laune dazu bin, möchte ich ein paar Unterschiede zwischen Print- und Online-Journalisten anführen, die dazu führen könnten, warum junge Onliner in ihrer (und auch der vieler anderer älterer JournalistInnen) Wahrnehmung nicht “eifrig” genug erscheinen.

  • Online-JournalistIn wird man aus den selben Gründen wie Print-JournalistIn. Es hat meist mit Idealismus zu tun. Was sonst? Gerade Online-Journalisten können sich wohl schwer auf Geld oder andere Privilegien ausreden. Die tollen Verträge, die einst waren, sind schon lange nicht mehr, wo wir auch gleich zum nächsten Punkt kommen:
  • Es tut schon sehr weh, wenn man in einer Redaktion mit Menschen in einem Raum sitzt, die etwa das Doppelte von einem selbst verdienen, nur weil sie auf Papier produzieren und man selbst nicht.
  • Diese Wut wird dann meist noch einmal etwas größer, wenn man sich oft anschaut, wie es (teilweise in den gleichen Redaktionen!) abläuft: Onliner sind meist viel viel früher in den Redaktionen als die Printler und haben, wenn sich diese erst im Haus einfinden, gemütlich einen Kaffee trinken und zehn andere Zeitungen durchblättern, meist schon einige Artikel online gestellt oder zumindest ein, zwei Meldungen veröffentlich. Klar, denn die Print-KollegInnen haben alle Zeit der Welt. Sie müssen die Leserschaft nicht sofort bedienen. Sie müssen auch nicht darauf achten, dass ihre Artikel eine bestimmte Form haben, denn darum kümmern sich die Layouter. Der Stress ist wesentlich höher, weil man nicht auf eine Deadline hin arbeitet, sondern die Deadline IMMER ist.
  • Wohingegen sicher die meisten Onliner damit vertraut sind, die Zeitung zu produzieren und zumindest wissen, wie es geht, verweigern viele KollegInnen aus dem Print-Bereich, sich überhaupt damit zu befassen. Immerhin schenkt man die Artikel her. Und wer eine Edelfeder ist, darf sowas nicht zulassen!
  • “Geht raus auf die Straße!”, schreibt Jelincic. Ich frage mich nur: Wie stellt sich Jelincic das in unterbesetzten Redaktionen vor? Wo man teilweise nicht nur die Artikel schreiben muss, sondern auch noch dazu passende Videos finden soll, auf Social Media posten. Ach, recherchieren sollte man ja auch, sorry, hab ich natürlich vergessen, bin wohl nicht eifrig genug.
  • Es gibt keine Preise für Onliner. In Österreich wird Online-Journalismus regelrecht ignoriert. Und nicht nur das: Bestimmte Formen des Online-Journalismus werden überhaupt nicht wahrgenommen von den Verantwortlichen solcher Gremien, Stichwort: Tech-Journalismus.
  • Durch “Treffen mit Aufsichtsräten interessanter Firmen” wird man sicher nicht auf Geschichten stoßen. Denn auf Geschichten stößt man entweder per Zufall oder weil man ein Netzwerk hat, das sich auszahlt. Ja, man muss Leute kennen. Die einen auf etwas aufmerksam machen, einem etwas stecken, dem man dann nachgehen kann. Sich auf die Straße zu setzen oder sich das PR-Gequassel von Aufsichtsräten anzuhören, ist sicherlich keine allzu fruchtbare Sache.
  • Habe ich schon die Bezahlung erwähnt? Ein Tweet sagt mehr als tausend Worte:

  • Und neben der Bezahlung: Wer hat bitte ernsthaft heutzutage Zeit, länger für eine einzige Geschichte zu recherchieren? Hier werden Äpfel mit Bananen verglichen. Leute, die bei Wochenzeitungen arbeiten, haben logischerweise etwas mehr Zeit, als jemand, der bei einer Tageszeitung arbeitet und neben Eigengeschichten auch noch die Daily News bringen muss. Aber klar, es ist natürlich einfach, auf die Jungen zu schimpfen, die nur Flausen im Kopf haben und keine Qualität kennen.

Das einzige, das ich zum Schluss noch sagen möchte: Was, liebe Qualitätsfreunde, werdet ihr in 15-20 Jahren tun? Weiterhin auf die bösen Onliner schimpfen? Ich hoffe doch, denn sonst wirds in der österreichischen Medienszene nicht mehr so schön peinlich wie bisher. Und darin suhlen wir uns alle gern, right?

Hier was dazu zum Anschauen:

Update: Mittlerweile gibt es auch eine andere Stimme zu meiner Antwort

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