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Tag 12 – Ein Buch, das du von Freunden/Bekannten/… empfohlen bekommen hast

12 Jul ’10

Adler und Engel von Juli Zeh

Wenn man Bücher empfohlen bekommt, ist die empfehlende Person fast wichtiger als das Buch selbst.

Die Geschichte hinter der Empfehlung

Im meinem Fall bekam ich als 17-jährige Gymnasiastin von meiner damaligen Deutschlehrerin „Adler und Engel“ von Juli Zeh empfohlen. Frau S. war keine klischeehafte Deutschlehrerin, sondern für uns Teenies damals richtig cool. Sie war Ende 20, hatte erst ein paar Jahre als Lehrerin hinter sich, rauchte Nil (jeder der damals alternativ angehaucht war, rauchte Nil), und konnte eine Tätowierung, die über den halben Rücken ging, vorweisen. Ich teilte zwar nicht ihre Vorliebe für Helge Schneider, aber bei Büchern hatten wir einen ähnlichen Geschmack. Sprache war uns wichtig, schöne Sprache, essayistische Sprache. Dass man dabei über kurz oder lang bei Juli Zeh, der Meisterin der Essayistik, landet, ist nur logisch.

Die Geschichte hinter dem Buch

Der Titel „Adler und Engel“ von Juli Zehs Debütroman mag viele Assoziationen hervorrufen, jene zu Völkerrecht, Drogen, Balkan-Krieg und einer zerstörerischen Liebesgeschichte werden sicherlich nicht als erstes genannt werden. Aber diese Schlagworte sind die Zutaten dieses nächtefüllenden Romans. Bei über 500 Seiten habe ich einige Nächte mit diesem Buch verbracht und keine versäumte Stunde Schlaf habe ich dabei vermisst. Das mag auch daran liegen, dass der Roman in einer Geschwindigkeit erzählt wird, die an 250 km/h mit einem Cabrio auf einer Autobahn, während „Fasten Your Seatbelt“ von Pendulum lautstark aus den Boxen dröhnt, erinnert.

Die Geschichte an sich

Max the Maximal ist der Protagonist des 2001 erschienenen Romans. Anwalt mit Spezialisierung in Völkerrecht, Workaholic, Hardcore-Kokser und verliebt in seine kindlich-kindische Freundin Jessie. Diese erschießt sich während eines Telefonats mit ihm. Da Max seinen Kummer über Jessies Verlust selbst mit armlangen Koks-Lines nicht betäuben kann, ruft er schließlich bei der mitternächtlichen Seelenklempner-Sendung der Radio-Seelsorgerin Clara an und klagt ihr sein Leid. Clara ist von Max‘ Fall so sehr angetan, dass sie Max und seine Lebensbeichte als Fall für ihre Diplomarbeit benutzt.

Je tiefer in seine Geschichte mit und rund um Jessie eingedrungen wird, desto deutlicher werden die Verstrickungen von Max, Jessie und der Drogenschmuggelszene aus dem Balkan. Versetzt nach Leipzig von seiner Anwaltskanzlei, reist Max zurück nach Wien, wo alles – Jessie, die Drogen, seine Karriere – begann. Jessie, als ewig kindliche, psychotische Tochter eines Drogenbosses, war dem hübschen Perser Shershah, einem gemeinsamen Freund der beiden, verfallen. Auch wenn Max später mit Jessie zusammen war, konnte die Dreiecksgeschichte nie ganz aufgelöst werden. Jessies Vater wiederum zieht alle Fäden der Drogengeschäfte aus dem Balkan und benutzt bosnische Kriegsgefangene als Drogenkuriere, um damit den Jugoslawien-Krieg zu finanzieren. Schließlich muss Max erkennen, dass seine Versetzung nach Leipzig als Völkerrechtsspezialist durch seinen Chef, wiederum ein Wegbegleiter von Jessies Vater, lediglich dazu diente, um neue Drogenrouten nach Polen vorzubereiten – Osterweiterung in allen Belangen sozusagen.

Die Geschichte des Fazits

Auf Amazon werden die parallel laufenden, plötzlich wechselnden und am Ende doch zusammenführenden Handlungsstränge des Romanes mit Pulp Fiction verglichen. Treffender könnte man Juli Zehs Erzählweise nicht beschreiben. Doch „Adler und Engel“ ist mehr als nur ein kurzweiliger Thriller, der die Erfolgsfaktoren Blut, Kriminalität, Drogen und Liebe beherbergt. Kritische Ansätze zu Krieg im Generellen und dem Balkan-Krieg im Besonderen, sowie der herrschenden Weltpolitik klingen immer wieder durch ohne oberlehrerhaft zu wirken.

Schneeballeffektmäßig kann ich dieses empfohlene Buch auch nur weiterempfehlen.


Die Geschichte der Autorin

Doris Christina arbeitet in einer Wiener Kommunikationsagentur und hat nach Stationen in Oberösterreich, Tirol und Indien in Wien ihren Platz gefunden. Ihre Gedanken zur Welt findet man auf www.twitter.com/dorischristinas

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7 Comments

  • Reply Pixi 12 Jul ’10 at 11:11

    “Adler und Engel” ist mein Lieblingsbuch von Juli Zeh.
    Die Geschichte ist berührend, schockierend und vor allem einnehmend. Ich konnte nicht aufhören zu lesen.
    Ein wirklich tolles Buch, das man kennen und gelesen haben muss (:

  • Reply Rik 12 Jul ’10 at 11:12

    Bei so einer hübschen Rezension muss man zumindest mal in das Buch reinblättern. Und ich frage mich gerade, was wohl aus der coolen Deutschlehrerin geworden ist? Ob die noch zu haben ist?

  • Reply Tweets that mention Tag 12 – Ein Buch, das du von Freunden/Bekannten/… empfohlen bekommen hast | ivy machts net -- Topsy.com 12 Jul ’10 at 11:22

    […] This post was mentioned on Twitter by Klement Cabana, Iwona W.. Iwona W. said: Tag 12 in der Reihe “31 Tage – 31 Bücher” von @DorisChristinaS http://bit.ly/crpEmb […]

  • Reply (mad) 12 Jul ’10 at 13:26

    Klingt nach einem unmöglichen Plot, aber dem Hohelied der Rezensentin nach zu schließen funktioniert’s. Juli Zeh steht wie viele, viele andere schon längst auf meiner stetig wachsenden Leseliste. Ich hoffe, das wird irgendwann einmal was mit ihr und mir.

  • Reply Doris Christina 20 Jul ’10 at 21:36

    Rik, ich muss dich enttäuschen, die Deutschlehrerin ist mittlerweile verheiratet und hat 2 Kinder.

  • Reply Rik 20 Jul ’10 at 22:41

    Verheiratet und zwei Kinder? Tja. Dumm gelaufen. Also, für mich, nicht für sie. Hoffentlich.

  • Reply 31 Tage – 31 Bücher | ivy machts net 28 Oct ’10 at 14:33

    […] Tag 11 – Ein Buch, das du mal geliebt hast, aber jetzt nicht mehr magst – @JuanesSteiner Tag 12 – Ein Buch, das du von Freunden/Bekannten/… empfohlen bekommen hast – Doris Christina Tag […]

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